Entwicklung des Sound Studio

(von Kai Tachibana)

Dieses Gerät ist eng mit den Anfängen meiner Entwicklungstätigkeiten verknüpft. Wie konnte das passieren?

Rockman X100

Anfang der 80er entwickelte Tom Scholz (Gitarrist der US Band „Boston“) den Rockman X100. Das war eine für E-Gitarren gutklingende Plastikkiste und für damalige Verhältnisse ziemlich teuer! Der X100 hatte acht AA (1.5 V Mignon) Batterien, die aber nach kurzer Spielzeit (ein paar Stunden) bereits leer waren. Nun, für die Portabilität war er gebaut: Mit dem Clip konnte man ihn an den Gürtel anhängen und handnah bedienen. Die Gitarre wurde mit einem kurzen Kabel angeschlossen und der Kopfhörer an eine der beiden 3,5 mm Ausgangsbuchsen.

Hier eine Funktionsübersicht:

Die Sounds hatten es in sich! Auf kleinstem Raum hatte man eine amtliche Auswahl parat. Hier die Beschreibung der Eigenschaften und Funktionen:

  • Die Eingangsstufe: Erst später wurde ein kleiner Gain-Einsteller [Trimpoti] eingebaut. Das musste sein, denn der X100 neigte schnell zum Übersteuern bei Gitarren mit zu lauten Tonabnehmern. Nein! – Nicht bei Distortion – schon bei den CLN Sounds. Das war natürlich blöd, da man das bei den ersten Versionen nur mit der Rücknahme des Volume-Reglers an der Gitarre in den Griff bekam.
  • Einen Compressor – immer an und leider nicht einstellbar. War der Effekt zu stark, half nur, den Gitarren-Volumen-Regler zurückzudrehen.
  • Einen vierstufigen Wahlschalter für zwei Clean und je einen Overdrive und Distortion Sound.
  • Für die unterschiedlichen Klänge, insbesondere für Overdrive und Distortion, gab es drei hintereinandergeschaltete Festfilter, die so eine Art Lautsprechersimulation waren. Damit konnte der Gitarrist direkt ins Pult oder Aufnahmegerät gehen und hatte studiofertige Sounds zur Verfügung.
  • Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen gab es noch eine Effektsektion mit einem analogen Chorus und Delay – fast schon Hall. Das wurde mit BBD Chips (Eimerkettenspeicher) gemacht. Richtiger Digitalhall war damals mit Batterien unmöglich! Das Delay bestand im Wesentlichen aus sieben unterschiedlichen Verzögerungen, die abwechselnd links und rechts auf den Stereo-Ausgang panoramamäßig aufgemischt wurden. Das wäre im Prinzip die Originalschaltung des Herstellers, der die Schaltung als Beispiel im Datenblatt (MN3011) veröffentlicht hatte. Tom Scholz hat nun eine weitere (siebte) BBD Stufe (MN3007) als „Pre-Delay“ davorgehängt und wie wir heute wissen, die Anwendung dann zum Patent angemeldet…
  • Der Chorus wurde, wie zu dieser Zeit üblich, analog mit einem BBD Chip (MN3007) aufgebaut. Damit hatte der Spieler sofort gut klingende Sounds auf Abruf zur Verfügung. Leider waren die beiden Stereo-Effekte zwanghaft. Das heißt, es gab nur die drei Möglichkeiten: „Chorus – Chorus und Delay – Delay“. Ja, leider war das nicht komplett abschaltbar…

Das Konzept war an sich gut und Tom Scholz hat das ja auch auf diversen Platten verewigt. Als Kopfhörer-Verstärker gehörte auch ein passender Stereo-Kopfhörer dazu.

Das ESP Pocket Studio

Produkte, die sich gut verkaufen ließen, weckten natürlich die Neugier einiger asiatischer Hersteller. In diesem Fall des japanischen Herstellers ESP. So dauerte es nicht allzu lange und sie brachten das blaue Pocket-Studio PS-10 auf den Markt. Im Prinzip eine Rockman-Kopie, aber mit durchaus verbesserten Funktionen:

  • Chorus (6) und Reverb (8) konnten einzeln ein- oder ausgeschaltet werden. Eine darüber liegende LED zeigte den jeweiligen Zustand an. Die Lautstärke des Delays konnte mit einem Trimmer eingestellt werden.
  • Neu war auch der zusätzliche „Normal“ Sound (5) – das war der gleiche Sound wie der erste Clean-Sound, jedoch ohne Lautsprechersimulation, also wirklich ein „normaler“ Sound.
  • Zu diesem Normal-Sound konnte ein Quarz-stabiler 440 Hz Stimmton (5) eingeschaltet werden. Eine Super-Idee, die ich später bei der Entwicklung des Streetman SM-15, ein portabler, also batteriebetriebener 2-Kanal Mini-Amp für z.B. Strassenmusik, ebenfalls einbaute!
  • Zwei große (6.3 mm) Ausgangsbuchsen (10). Links und rechts, oder Mono

Zum Schalten der Sounds gab es auf der Front einen 6-fach Wahlschalter mit folgenden Möglichkeiten:

  1. Normal Sound, mit 440 Hz Stimmton
  2. Normal Sound
  3. Clean 1 Sound
  4. Clean 2 Sound
  5. Overdrive Sound
  6. Distortion Sound

Die Lautstärke wurde mit einem Schieberegler (4) eingestellt. Ganz musikerfreundlich hatten die ESP-Leute zusätzlich zur kleinen 3,5 mm Stereo-Kopfhörer-Buchse (7) nun endlich zwei große 6,3 mm (1/4“) Klinken-Buchsen spendiert (10, 11). Damit konnte man den Ausgang mit einem ganz normalen und handelsüblichen Klinkenkabel an einem Mixer oder Amp anschließen.

Mit Netzteil!

Neu war auch das Netzteil mit zwei Spannungen (+6 V und -6 V) auf einem 3.5 mm Stereo-Klinkenstecker. Leider gab es damit das Problem, dass bei nur halb eingesteckten Stecker dieses Netzteil abbrannte… Tja, einfache Transistorstabilisierung, die nicht kurzschlussfest war. Da das Gehäuse verklebt war, konnte man eine Reparatur vergessen…

Import nach Deutschland

Das ESP war nicht wesentlich günstiger als der Rockman, bot aber die besseren Features. Somit war es für den Musiker interessant. Bernhard Kurzke, Inhaber des legendären No1 Music Centers (Einzelhandel) in der Talstraße, und des MS Music Service (Großhandel) sowie Gründer der Marke Nobels, kontaktierte Mitte der 80er ESP und importierte das Pocket Studio nach Deutschland. Es wurde über den Großhandel verkauft. Das ESP Pocket Studio wurde ebenfalls auf der Frankfurter Musikmesse ausgestellt.

Die ESP Probleme

Leider bekam ich innerhalb kürzester Zeit viele defekte Pocket Studios auf den Tisch. Ich war damals der Reparateur vom No1 Music Center (Heute No1 Music Park). Als Kunden gab es die Scorpions, Alexis Korner, Pete Townsend, Frank Zappa, Lake, die Hollies, Otto Waalkes, Rolf Zuckowski, usw., um nur einige zu nennen, die mir grade einfallen.

Wie gesagt, die ESP Pocket Studios starben reihenweise, insbesondere die Netzteile. Zu einigen grundsätzlichen Fehlern des ESP Pocket Studios machte ich einige Verbesserungsvorschläge, die Bernhard dann nach Japan weitergab. Und – kaum zu glauben – die Japaner verbesserten die Produktion entsprechend.

Die Rockbox

Plötzlich kam das Gerücht auf, dass es ein weiteres, ähnliches Gerät gab und sogar aus Metall, was eine Verbesserung darstellen würde, da das ESP leider nur ein ziemlich weiches Plastikgehäuse hatte. Die Schraubverbindungen z.B. segneten ziemlich schnell das Zeitliche. Und angeblich sollte dieses neue Modell nur halb so teuer wie der Rockman oder das ESP Pocket Studio sein.

Bernhard besorgte ein solches Teil, die „JHS Rockbox“ und gab es mir zur Beurteilung. Danach informierte er die Japaner: „Entweder das ESP Pocket Studio wird preislich drastisch reduziert, oder es würde die Berechtigung auf dem Markt verlieren.“  Die Japaner ließen sich überzeugen und gaben schlussendlich die Produktion des Pocket Studios auf.

John Hornby Skews (englischer Großhändler: kurz JHS) hatte die Rockbox von Designern auf Basis von Rockman und Pocket Studio entwickeln lassen. Beim taiwanesischen Hersteller Phonic – damals noch ein Hersteller mittlerer Größe – hatte er die Produktion in Auftrag gegeben. Ich erkannte bei der Analyse aber nicht nur die Verbesserungen der Rockbox, sondern mir fielen noch einige Macken auf, die Gitarristen stören würden. Ich machte daraufhin eine Liste mit Verbesserungen.

Sound Studio 1

Bernhard setzte sich mit John zusammen und bot ihm an, dass wir unsere Verbesserungen auch JHS zur Verfügung stellen würden. Das passte, den JHS hatte großes Interesse mit einem möglichst ausgereiften Modell exklusiv die englischen und irischen Händler zu bedienen.

Und so entstanden die beiden Geräte: „NOBELS Sound Studio 1“ (SST-1) und die „JHS ROCKBOX“.

Sound Studio 1X

Mittlerweile gab es Probleme mit dem taiwanesischen Hersteller Phonic. Unsere Geräte kamen plötzlich als Kopie mit anderer Farbe und Aufdruck auf den Markt. Als Folge mussten wir uns natürlich von Phonic trennen. Zum Glück hatten wir bereits vorher in Korea neue Kontakte geknüpft. Um uns von der Phonic Ära abzuheben, entwickelten wir das Sound Studio 1X. Also X wie Extra! Hergestellt wurden die Geräte dann vom koreanischen Hersteller Muse Inc., der später auch die Effekt Pedale herstellte.

Für die neuen Funktionen kamen uns viele Ideen, die wir schnell umsetzten konnten. Wir bauten zum Beispiel ein regelbares Noise-Gate ein. Oder machten den letzten der drei Festfilter (Treble ~4 kHz) in der Peak-Frequenz (Tone regler, vorne) regelbar. Dann noch ein zusätzlicher Mini-Regler für die Drive-Intensität (Overdrive, Distortion).

Ja, apropo diese Mini-Regler… bis dato gab es keine vernünftigen Mini-Potis. Also Mini-Regler mit anständigen Knopf. Das war leider ein Problem, da diese Knöpfe oft abbrachen. Sie waren einfach nicht für den Dauerbetrieb konzipiert. Erst später gab es die guten und stabilen V9 Regler (Alps, Alpha, etc.).

Der absolute Clou aber war der Einbau einer elektronischen Signalumschaltung mit Remote-Buchse, mit der von jedem eingestellten Sound des Wahlschalters (z.B. auf Clean 1) auf Distortion umgeschaltet werden konnte.

Headroom +

Zum Schluss modifizierten wir noch das Dual-Netzteil mit sehr einfachen Mitteln, so dass es statt +/- 6 Volt nun +/- 6.6 Volt lieferte. Immerhin insgesamt 1.2 Volt mehr Headroom!

Vergleich der verschiedenen Geräte

Rockman ESP Rockbox SST-1 SST-1X Funktion
X X X X X Batteriebetrieb
X* X X X X Gain-Regler (*Spätere Version!)
  X X X X Normal Sound
  X X X X Effekte einzeln schaltbar
  X X X X 440 Hz Stimmton
  X X X X Große Klinkenbuchsen für den Ausgang
  X X X X Send/Return Einschleifweg
  X X X X Regler für Delay
  X X X X LED Anzeige für Chorus
  X X X X LED Anzeige für Delay
  X X X X Regler für Delay
    X X X Unterschiedliche LED Farben für Chorus, Delay
    X X X Compressor Regler
    X X X Regler für Chorus
      X X Kurzschlussfestes Netzteil
      X X Overdrive, Distortion einstellbar
        X Remote Eingang um auf Distortion zu schalten
        X Höhere Ausgangsspannung (+/-6.6 V)
        X Noise Gate, regelbar
        X Peak-Treble-Filter, Freq. einstellbar

Hier sind die Funktionen zu sehen, welche im Laufe der Zeit in die Sound Studios eingebaut wurden. Sicherlich ist das jetzt noch kein herausragendes Ingenieur-Wissen. Aber auf Grund meiner Erfahrungen als Techniker und dem regelmäßigen Kontakt zu den Kunden, konnte ich mit relativ einfachen Mitteln einige wertvolle Funktionen hinzufügen, die das SST-1 und später die erweiterte Version SST-1X für sehr lange Zeit international erfolgreich machten.

Wer das SST-1X mal hören & sehen möchte, kann sich ja mal dieses Video von Oli Hartmann (YT: hartguitar) ansehen! Danke an Oli für die tolle Vorstellung!

Und? – Wie ging es weiter??

Ja, das war für mich der Anfang in die Welt der Elektronik-Entwickler. Es war so viel interessanter als nur kaputte Geräte zu reparieren. Wir probierten aus, schrieben Anleitungen in Deutsch und Englisch, reisten nach Fernost, entwickelten Prüfmethoden und vieles mehr!

Und es ging rasant weiter, denn zur gleichen Zeit arbeitete ein junger Mann (Heiko B.) als Aushilfe in der Keyboard-Abteilung. Schnell stellten sich seine enormen Fähigkeiten als Programmierer heraus. Da hatten wir den völlig verückten Plan, das Sound Studio 1X programmierbar zu machen. Und dann sind wir so richtig in die Entwicklung von Produkten für Musiker eingetaucht.

Was daraus geworden ist? Na, das legendäre Sound Studio 19 (SST-19). Das weltweit allererste programmierbare Effektgerät für Gitarristen! Was wir damit erleben durften ist genug Stoff für noch viel mehr Blogs…

SST-19X

SST-19 „- The first programmable multi-effect device for guitarists